„Woher kommt dein Name?“ statt „Woher kommst du?“

11. November 2021

HAT NAME MIT IDENTITÄT ZU TUN?

Die Sêengers kamen aus Elsass-Lothringen und zogen quer durch Europa bis zu den Karpatenbecken. Beim Umzug ging ihnen irgendwo der Accent circonflexe verloren und es entstand der Familienname Seenger. „Mit S und doppel ee“, musste ich immer in der Schule erklären. Das hat mich überhaupt nicht gestört, der Name wies auf meine deutsch-französischen Vorfahren hin, die vor über 300 Jahren nach Ungarn auswanderten.

Auf den Namen Klára ließen mich meine Eltern taufen. Bei meiner Einbürgerung in Deutschland vor 15 Jahren wollte man mir den Stich auf dem ersten „a“ abschwätzen. Ich bestand auf den Akzent, da es für mich damals etwas mit der Identität zu tun hatte. Heute führe ich Klara, aber in meiner Unterschrift steht immer noch der kleine gerade Strich über dem „a“.

Meine Recherchen über die Herkunft des Namens Denzin führten zur ehemaligen Hansestadt Danzig, dies ist heute der größte Seehafen Polens an der Ostsee. Diese Geschichte finde ich sehr spannend und trage den Familiennamen meines Mannes sehr gerne in Deutschland, wo ich lebe und arbeite.

In meinem ungarischen Pass steht aber etwas anderes. Hier wurde mein Doppelname amtlich registriert: Klára Seenger Denzin. In Ungarn behalten viele Frauen ihren Mädchennamen. Man will sich ja schließlich bei den ehemaligen Mitstudierenden nicht neu vorstellen, wenn man sich bei einem wichtigen Geschäftstreffen Jahre später wiedersieht. Bei solchen Anlässen nennen mich meine Ex-Kommilitonen: Klári.

WELCHEN ZUSAMMENHANG HABEN NAME UND KULTUR?

Dies alles erkläre ich den Seminarteilnehmern bei meinen interkulturellen TeamEntwicklungen: Wie wichtig in manchen Ländern Netzwerke sind, wie sie ein Leben lang gepflegt werden und wie durchlässig die Trennung zwischen Beruflichem und Privatem in anderen Kulturen sein kann.

Genauso erläutere ich bei der ExpatBeratung, dass sich die Führungskräfte, die nach Ungarn entsandt werden, nicht wundern sollen, wenn sich ihre Mitarbeitende mit Kosenamen vorstellen. Die Ansprache mit Ilcsi und Laci bedeutet keine Respektlosigkeit oder kumpelhaftes Benehmen. Es zeigt, dass Distanzminimierung und die Zusammenarbeit auf Augenhöhe wichtige Anforderungen in der ungarischen Kultur sind. Wenn man am gleichen Strang ziehen will, dann redet man die Teammitglieder nicht mit Herrn László Kiss oder Frau Ilona Szabó an. Dann heißt es: „Ilcsi, Laci, lass uns eine Nachtschicht einlegen. Wir ziehen den Karren gemeinsam aus dem Dreck.”

DIE KURZVERSION DER NAMENSGESCHICHTE IST OFT HILFREICH

Was mein Vorname bedeutet? Der Name Klara entstammt dem lateinischen Wort „clarus“ und bedeutet „Leuchtende“, „Helle“, „Schöne“, „Klare“ oder auch „Berühmte“. Schon meine Mutter trug diesen schönen Namen und unsere Tochter erhielt ihn als Zweitnamen.

Das ist die Geschichte meines Namens. Je nachdem, mit wem ich spreche, erzähle ich die Kurzvariante mit dem lateinischen Ursprung oder ich fange bei den Sêengers aus dem Elsass an. Das ist mir selbst überlassen, das kann ich mir aussuchen.

FREI BLEIBEN UND ANERKENNUNG GEBEN

Viele Teilnehmende bei meinen KulturTrainings fragen mich, ob für eine Person, die aus einem anderem Land kommt, die Frage „Woher kommst du?“ störend ist. Das kann durchaus sein. Diese Frage hat eine subtile Botschaft: „Du kommst nicht von hier“.

Was wäre, wenn man das Interesse an einer Person, die man neu kennenlernt, mit der Frage „Woher kommt dein Name eigentlich?“ ausdrücken würde? Dann ist es jedem selbst überlassen, welche Version der Namensgeschichte man erzählt. Dann kann unser Gegenüber bei der neuen Begegnung die Namensgeschichte aussuchen, die gerade passend ist. So bleibt unser Gegenüber frei, wir zeigen Wertschätzung und Anerkennung.

Bild: Klara Denzin (2021): „Namen“